„Können Sie sich erinnern, wann waren Sie das letzte Mal allein – ich meine wirklich allein? Nichts zu lesen, kein Telefon, keine Musik, kein Computer, kein Fernsehen, kein Radio, keine Ablenkung, keinen Begleiter, niemand, mit dem man sprechen kann. Psychiater sagen, dass, wenn Sie dies tun wollen, sollten Sie es nicht länger als einen Tag versuchen. Sie würden es nicht aushalten.“

Anwalt Sabin Willett in einer Anhörung vor dem Komitee für auswärtige Angelegenheiten und Menschenrechte, Washington D.C.


Murat Kurnaz war 1725 Tage in Gefangenschaft. Insgesamt ein Jahr in völliger Isolation. Würde ich es überleben, wenn man mir all meine Rechte, die Luft zu atmen, meine Privatsphäre, wichtige Jahre meines Lebens einfach nimmt?


Murat Kurnaz ist 1982 geboren, genau wie ich. Wir sind beide in den 90igern groß geworden, haben die selbe Musik gehört, waren betroffen von den selben gesellschaftlichen Ereignissen. Wie er habe auch ich eine gewisse Orientierungslosigkeit in den Jahren um 2000 gespürt. Ich konnte nachvollziehen, wie ein junger Mann nach einem Sinn sucht, sich dem Glauben zuwendet, aufgrund seines Alters naiv handelt. Lange Jahre habe ich seine Geschichte verfolgt. Als ich Murat Kurnaz schließlich persönlich kennen lernte, war ich umso mehr fasziniert von seinem Humor, seinem Lebensmut, von der Tatsache, dass ein Mensch derartige Qualen überstehen kann und wieder zurück in den Alltag findet.


Viele haben in Murat Kurnaz immer einen Verdächtigen gesehen. In Wahrheit ist er das Opfer eines gigantischen Unrechts. Keine der gegen ihn erhobenen Anschuldigungen hat sich als wahr erwiesen. Aber dürfte man selbst bei schuldigen Terroristen foltern? Kann ein System was unsere Werte missachtet diese Werte schützen? Mit der Entscheidung im Bundeskanzleramt, Murat Kurnaz nicht wieder aufzunehmen, haben die Verantwortlichen auf deutscher Seite seine Behandlung auf Guantanamo toleriert. Doch Murat Kurnaz hat sich von der Willkür nicht brechen lassen. Er hat sich seine "innere" Freiheit bewahrt. Heute ist er zweifacher Vater und Ehemann, er ist frei. Diese enorme Lebenskraft ist für mich unglaublich inspirierend.


von Regisseur
STEFAN SCHALLER